[Ein Wärmestein vom Niederrhein]

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[Veröffentlicht von] [guenhol]
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Ein Wärmestein vom Niederrhein,  (aus Isselburg-Anholt, OT Vehlingen)

 

Wer erinnert sich nicht, oftmals mit gemischten Gefühlen, an seine Kindheit in den Nachkriegsjahren und an eiskalte Winternächte? Glücklicherweise sorgte am Abend die Mutter dafür, das die Betten in den ungeheizten Schlafzimmern durch eine Wärmekruke oder einen Wärmestein aufgewärmt wurden.
Wärmflaschen waren in den Nachkriegsjahren ziemlich rar und wer keine zur Wärmflasche umfunktionierte Steinhägerflasche besaß, verwendete stattdessen einen im Backofen erwärmten Ziegelstein. Diese wurden, um Verbrennungen zu vermeiden, in ein grau-blaues Handtuch oder in mehrere Lagen Zeitungspapier eingewickelt.
 
Auf einigen Bauernhöfen im Rheindelta bzw. dem früheren Urstromtal des Rheins, zu dem auch der Niederrhein und unsere Region gehört, wurden Wärmesteine aus Rheinkiesel verwendet, die von den Bauern beim Arbeiten auf dem Feld gefunden wurden.
Ihre schöne, gleichmäßige ovale, runde oder eckige Form erhielten diese vorher unförmigen Gesteinsbrocken, bei ihrer Wanderung im Flussbett vom oberen Rheintal bis in unsere Niederungen.
 
Schon die ersten Handwerker im frühen Mittelalters übernahmen diese natürlichen Formen bei der Herstellung ihrer handwerklich gefertigten Wärmflaschen aus Ton oder Metall. Diese Formen wurden in späteren Jahrhunderten und sogar bis in die heutige Zeit bei der industriellen Herstellung von Wärmflaschen beibehalten.
 
Vor einigen Jahren machte ich Bekanntschaft mit einem Hofbesitzer aus Anholt - Vehlingen, der einen Wärmestein aus Rheinkiesel von seiner Großmutter vererbt bekommen hatte.
  Heute wird er als Wärmestein nicht mehr genutzt,
  jedoch als Erinnerung an die Großmutter weiterhin
  aufbewahrt und ist als Dekoration im Hauseingang
  abgelegt. Dieser Wärmestein ist ein untrügliches
  Zeichen dafür, das natürlichen Wärmesteine noch
  bis Ende des 19. Jahrhunderts gefunden und auf
  Bauernhöfen verwendet wurden!
 
 
Einige Jahre nach dieser Begegnung habe ich versucht den Besitzer des Vehlinger-Wärmesteins ausfindig zu machen, was leider nicht gelungen ist. Jedoch gibt es eindeutige Hinweise, das es diesen Wärmestein tatsächlich gegeben hat.
 
Zuvor lassen sie mich kurz erläutern, warum diese Funde so selten geworden sind, was nicht nur daran liegt, das das Wissen um die wärmespeichernde Wirkung bestimmter (quarzhaltiger) Steine bei der Landbevölkerung verloren gegangen ist, sicherlich auch durch die Mechanisierung in der Landwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg. Durch den Einsatz von immer weniger Personal ergab sich jedoch die Notwendigkeit einwandfreie Bodenverhältnisse zu schaffen um den für den reibungslosen Einsatz der Maschinen störenden Steinbefall zu entfernen.
Der eigentliche Grund ist jedoch, das durch den Rückgang der Hochwassergefahr und durch Deichbaumaßnahmen an den Flüssen, die Hochwassergefahr sehr stark eingedämmt werden konnte.
Denn die häufig auftretenden Hochwasser in den vergangenen Jahrhunderten haben dazu geführt, das die im Boden verborgenen Steine an die Oberfläche gespült wurden, die dann von den den Landbewohnern aufgelesen und als Wärmesteine benutzt wurden.
 
Dies dürfte auch für den Vehlinger-Wärmestein zutreffen, der gem. nachstehendem Bericht nach dem Hochwasser im Winter des Kriegsjahres 1879/71 gefunden worden sein könnte.
 
Als Beleg für meine Behauptung beziehe ich mich auf den nachstehenden Artikel der m.E.eindeutig zeigt das, zumindest in den letzten Jahrhunderten noch natürliche Wärmesteine, wenn auch nur noch vereinzelt, nach Überschwemmungen gefunden wurden.
 
Vortrag, gehalten von S.D. Fürst Alfred zu Salm-Salm in einer Sitzung des Westfälischen Altertumsvereins 1914, erschienen in: „Münsterland“ Monatsschrift für Heimatpflege, Anholtnummer, Jahrg. 6, Bocholt, im Oktober 1919, Heft 10.
 
Fürst Alfred schreibt auf Seite 211:
Wir haben noch Berichte, daß im Jahre 1740 beim Dammdurchbruch bei Flüren das Rheinwasser in den Anholter Schloßgräben und Schloßkellern stand.
Bei einer etwas späteren Überschwemmung strömte es über den Deich zwischen Schloß und Stadt, über den Sie gerade gegangen sind, und noch zu meinen Lebzeiten um 1850 hat es in den Kellern des hiesigen Schlosses gestanden.
In dieses Rheinbett floss die Issel, und auch sie wie ihre Seitenbäche führten zu Zeiten so viel Wasser, dass oft die ganze Umgebung wie ein Meer aussah. Auch ihr Wasser hat öfters in den Kellern des Schlosses gestanden. Noch in meiner Jugendzeit war es eine Ausnahme, wenn in einem Winter nicht alle Issel- und Aawiesen monatelang unter Wasser standen. Die letzte größere Überschwemmung war im Winter des Kriegsjahres 1870/71. Damals stand lange Zeit das Wasser auf großen Strecken der Isselburger-Anholter Chaussee,längs der Sie eben gefahren sind.
Mittlerweile liegen Hinweise über weitere Wärmesteinfunde im Münsterland, im Flussgebiet der Dinkel, vor.
 
BOH, Aug 2013

 


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